Fit for Future

mit freudlicher Unterstützung von:

Günter Reimann dubbers

 

L

 

„fit4future“
Bewegungsförderung in der Grundschule
Zur Wirkung von Pausensport und zusätzlichen Schulsportangeboten
Dr. Mareike Pieper
Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg

In den vergangenen Jahren ist in den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen immer wieder die Sprache von der veränderten Lebenswelt heutiger Kinder und den dadurch entstehenden Folgen für ihre Entwicklung. Verantwortlich hierfür werden unteranderem Veränderungen in der Familienstruktur, der Anstieg der Mediennutzung, veränderte Bewegungsräume und die Verringerung von Bewegung und Sport im Alltag gemacht. Die Folgen der Veränderten Lebens- und Bewegungswelt scheinen sich in der Entwicklung der verschiedensten Persönlichkeitsmerkmale zu manifestieren. Besonders gravierenden erscheinen die Folgen im gesundheitlichen Bereich zu sein. Neben zahlreichen Berichten von Kindern im Grundschulalter die unter Haltungsschwächen und den damit einhergehenden Rückenschmerzen leiden (Dordel, 2003; Weineck, 1997), stiegen die Zahlen von Kindern und Jugendlichen mit Übergewicht und Adipositas besorgniserregend. So liegen die Prävalenzen für Übergewicht unter Kindern der Altersgruppe 7-10 Jahre bei 9% und für Adipositas bei 6,4% (Landsberg, Plachta-Danielzik, & Müller, 2008). Aber auch die motorische, kognitive und psychosoziale Entwicklung scheint beeinträchtigt. So wird von einer 10%igen Abnahme der motorischen Leistungsfähigkeit der Kinder innerhalb der letzten 25 Jahre gesprochen (Bös, 2003). Eher die kognitiven Funktionen betrifft ein vermehrtes Auftreten von Unruhezuständen und Konzentrationsstörungen, welche besonders im Grundschulalter auffallen und in Verbindung mit schlechteren Lernvoraussetzungen gebracht werden (Kolb, 1995).
Da sich Entwicklung immer in untrennbarer Wechselwirkung zwischen der Person und ihrer Umwelt vollzieht bedeuten die veränderten Lebensbedingungen heutiger Kinder auch gleichzeitig Veränderungen ihrer Entwicklungsbedingungen und somit in vielen Fällen eine Beeinträchtigung ihrer gesamten Entwicklung. Daraus ließe sich umgekehrt schließen, dass ein mehr an Bewegung die Entwicklung der Kinder positiv beeinflusst.

Das EvaluationsprojektBild2
Das Evaluationsprojekt basiert auf der „fit4future“ Initiative der „Cleven-Becker- Stiftung“ – einer Kampagne gegen Bewegungsmangel und Übergewicht in der Kindheit. Durch den Einsatz von pädagogisch wertvollen Spiel- und Sportgeräten in den Schulpausen soll Kindern und Jugendlichen über Bewegung und Sport ein gesundes Lebensgefühl vermittelt werden. Deutschlandweit sind über 500 Schulen seit Mai 2005 im Besitz einer „Spieltonne“. Die Kampagne wird seit Beginn des Schuljahres 2006/07 in der Metropolregion Rhein-Neckar durch die Günter Reimann-Dubbers-Stiftung umgesetzt. 50 Schulen haben kostenlos eine Spieltonne erhalten, die in ein Konzept der „Bewegten Pause“ eingebunden wurden.
Die begleitende Evaluationsstudie – initiiert und unterstützt durch die Günter Reimann-Dubbers-Stiftung – dient zur Überprüfung der erhofften langfristigen Effekte sportlicher Aktivität auf die Allgemeinmotorik und die kognitiven Lernleistungen. Zu diesem Zweck wurden zwei verschiedene Interventionsgruppen sowie eine Kontrollgruppe gebildet. Die erste Interventionsgruppe bestand aus den Probanden (Kinder der 1. bis 4. Klasse), die in ihren Hofpausen Zugang zu einer Spieltonne hatten, also an der „Bewegten Pause“ teilnahmen. Die Zweite Interventionsgruppe bildeten die Schüler, die sowohl die Möglichkeit hatten, an der „Bewegten Pause“ teilzunehmen, als auch einmal wöchentlich eine Stunde (freiwillig) Sport-AG zu besuchen. Die Sport-AG bestand aus wissenschaftlich gestützten und erprobten Inhalten der „Heidelberger Ballschule“.
Die Auswertungen der motorischen und kognitiven Tests haben gezeigt, dass die Grundschüler im Durchschnitt in allen Persönlichkeitsbereichen zufriedenstellende Ergebnisse erzielten. Ausgenommen hiervon sind die Ausdauerleistungsfähigkeit und die körperliche Entwicklung. 51% der Kinder erbrachten im Ausdauertest eine unter- bis weit unterdurchschnittliche Leistung und 18,3% können als übergewichtig bzw. adipös eingestuft werden.
Hinsichtlich der Interventionsmaßnahmen konnten keine Unterschiede zwischenBild1 den drei Gruppen in der Entwicklung der einzelnen Persönlichkeitsmerkmale festgestellt werden. Der Extremgruppenvergleich des Ausdauertests zeigte jedoch, dass die 25% der Kinder mit den schlechtesten Leistungen im Dauerlauf in den beiden Interventionsgruppen wesentlich größere Verbesserungen über die drei Messzeitpunkte zu verzeichnen hatten, als dies in der Kontrollgruppe der Fall war. Dieses Ergebnis bestätigt die Annahme, dass ein mehr an Bewegung (hier Bewegte Pause und Sport-AG) die Entwicklung der Kinder positiv beeinflusst (in Bezug auf die Ausdauerleistung).
Grundsätzlich konnte mit Hilfe des Evaluationsprojekts festgestellt werden, dass vor allem motorisch schwache Kinder von bewegungsfördernden Maßnahmen profitieren können. Das wichtigste scheint jedoch, dass alle Kinder Freude und Spaß an der zusätzlichen Bewegung zeigten und die angebotenen Maßnahmen in der Schule positiv angenommen wurden.

Bös, K. (2003). Motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. In W. Schmidt, I. Hartmann-Tews & W.-D. Brettschneider (Eds.), Erster Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht (pp. 85-107). Schorndorf: Hofmann.
Dordel, S. (2003). Bewegungsförderung in der Schule. Handbuch des Sportförderunterrichts. Dortmund: Modernes Lernen.
Kolb, M. (1995). Ruhe, Konzentration und Entspannung. Sportpädagogik ,19, 61-66.
Landsberg, B., Plachta-Danielzik, S., & Müller, M.J. (2008). Risikofaktor Adipositas. In W. Schmidt (Ed.), Zweiter Deutscher Kinder-und Jugendsportbericht. Schwerpunkt: Kindheit (pp.107-114). Schorndorf: Hofmann.
Weineck, J. (1997). Bewegungsmangel und seine Auswirkungen auf die psychophysische Leistungsfähigkeit. In R. Zimmer (Hrsg.), Bewegte Kindheit. Kongressbericht (S. 41-47). Schorndorf: Hofmann